Abstrakte und moderne Kunst und Malerei

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Variationen des Themas

Monet war nicht der erste Künstler, der sich mit der Eisenbahn und mit Eisenbahnbrücken beschäftige und dennoch symbolisiert kaum ein anderes Gemälde eine Verbindung Industrialisierung und Freizeitgesellschaft, Natur und Technik, oder, wie John Hayes Tucker bemerkt, den „menschlichen Triumph über die Natur“ und eine „neue Hoffnung für die Zukunft“. Der Vergleich mit Gemälden von Monets Zeitgenossen zeigt deutliche Unterschiede in der Behandlung des gleichen Sujet. Camille Pissarros ebenfalls 1873 entstandene Eisenbahnbrücke von Pontoise zeigt das noch deutlich von den vorangegangenen Künstlergenerationen geprägte Landschaftsideal und erinnert eher an Corots Brücke von Mantes. In beiden Bildern durchtrennen Bäume den Blick auf die Brücke und es entsteht ein idyllischer Eindruck. Zudem ist Pissarros Bild menschenleer. Keine Fußgänger, keine Segelboote und vor allem keine Lokomotive stört die Ruhe. Die Eisenbahnbrücke ist deutlich in die Ferne gerückt und weder ihre Funktion, noch ihre moderne Architektur treten deutlich hervor. Zehn Jahre später griff Pissarro das Motiv der Eisenbahnbrücke von Pontoise in einem Entwurf für einen Fächer erneut auf. Personen am linken Ufer, Boote auf dem Fluss im Vordergrund und die dahinterliegende Eisenbahnbrücke mit fahrendem Zug zeigen deutliche Parallelen zu Monets Eisenbahnbrücke von Argenteuil.

Ganz anderes das Gemälde Le pont de l’Europe von Gustave Caillebotte von 1876, das eine Brücke über die Bahnanlagen am Gare Saint-Lazare zeigt. Von der Brücke, auf der sich mehrere Straßen kreuzen, ist im Vordergrund die diagonal in die Bildmitte ragende detailgenaue Wiedergabe der Eisenkonstruktion der Brüstung zu sehen, während rechts im Hintergrund eine Seitenansicht erkennbar ist. Obwohl die linke Bildhälfte und der untere Bildbereich fast ausschließlich die Straße mit ihren Passanten zeigt, ist es vor allem die massive Eisenkonstruktion der Brücke, die das Bild dominiert. Dieses drei Jahre nach Monets Eisenbahnbrücke von Argenteuil entstandene Gemälde zeigt zwar wie die moderne Technik in das Leben der Menschen eingreift, aber es fehlt das Gleichgewicht zwischen Natur und Technik, wie sie Monet in seinem Bild herzustellen versucht hat. Mitte der 1880er Jahre griff Caillebotte das mehr als zehn Jahre zuvor von Monet gewählte Motiv der Eisenbahnbrücke von Argenteuil auf. In diesem Bild zeigt er vom Standpunkt nahe der Brücke aus eine kahle Landschaft, deren einzige belebende Akzente ein in der Ferne herannahender Zug und die Wellenbewegungen des Wassers sind.

Bei Pierre-Auguste Renoirs 1881 entstandenem Gemälde Die Eisenbahnbrücke von Chatou versteckt der Maler die im Titel genannte Brücke nahezu hinter blühenden Obstbäumen. Diese Brücke mit ihren aus Naturstein gefertigten Stützen und der darauf liegenden bogenförmigen Eisenkonstruktion, entspricht eher dem Idealbild seiner Zeitgenossen von einer Brücke. Im Gegensatz zu Monets Eisenbahnbrücke von 1873, in ihrer schmucklosen und klaren Ausführung, knüpft diese Brücke an traditionelle Formen des Brückenbaus an. Und dennoch verbirgt Renoir diese Brücke hinter üppigem Blattwerk und lässt so den Garten mit seinen Bäumen im Vordergrund zum eigentlichen Bildthema werden. Renoir suchte kein Gleichgewicht zwischen Natur und Technik, sondern gab der Wiedergabe der Landschaft den Vorrang und platzierte die Brücke in den Bildhintergrund.

Deutlich von Monet beeinflusst entstand 1887 das Gemälde Die Eisenbahnbrücke von Asnièrs von Vincent van Gogh. Auch in dessen Bild fährt ein Personenzug über eine Seine-Brücke und stößt Dampf aus. Der Dampf ist in diesem Werk jedoch dunkel, wie auch das gesamte Bild trotz vorhandener farbiger Pinseltupfer insgesamt düster erscheint. Van Gogh reservierte nur einen kleinen Teil des Bildes für den Himmel und verzichtet auf einen strahlend blauen Himmel, wie er in Monets Bild zu sehen ist. Die Frau im roten Kleid ist vom Bildbetrachter durch die Uferbegrenzung getrennt und bleibt einsam in der Landschaft. Der Kunsthistoriker Hans Juncker beschreibt die Szene: „Doch statt freier, unberührter Natur gibt van Gogh hier eine von bautechnischen Anlagen in Beschlag genommene Landschaft.“

Neben der 1873 entstandenen Version der Eisenbahnbrücke von Argenteuil entstanden im Folgejahr drei weitere Gemälde mit diesem Bildtitel. Hierzu gehören zwei großformatige Bilder, die sich heute im Pariser Musée d’Orsay und im Philadelphia Museum of Art befinden, und eine kleinere Ölstudie im Musée Marmottan Monet. Alle drei Versionen zeigen die Eisenbahnbrücke von Argenteuil von einem Standpunkt dicht bei der Brücke, die als Diagonale von der rechten oberen Ecke zur Bildmitte verläuft und an ihren beiden Enden durch das Laub der Bäume gerahmt wird. Durch die üppige Vegetation im Bildvordergrund und die nicht die gesamte Bildbreite einnehmende Brücke, wirkt diese harmonischer in die Landschaft eingebettet und durchschneidet nicht, wie in der Version von 1873, die Bildmitte. Ein Grund für die veränderte Darstellung der Brücke in der Dreierserie von 1874 könnte die veränderte wirtschaftliche Situation Monets sein. 1872 und 1873 waren für ihn finanziell erfolgreiche Jahre, in denen er zahlreiche Gemälde an den Kunsthändler Paul Durand-Ruel verkaufen konnte. So ist die 1873 entstandene Version der Eisenbahnbrücke von Argenteuil nicht nur ein Symbol des technischen Fortschritts und des Wiederaufbaus Frankreichs nach dem Krieg von 1870/71, sondern steht auch für den Zukunftsoptimismus Monets in diesem Jahr. Eine 1873 einsetzende Wirtschaftskrise hatte auch Auswirkungen auf dem Kunstmarkt, so dass Anfang 1874 Durand-Ruel seine Ankäufe einstellte. Die im Frühjahr des selben Jahres stattfindende erste Gruppenausstellung der Impressionisten sollte hier Abhilfe schaffen. Tatsächlich erhielten Monet und seine Malerkollegen zwar größere Aufmerksamkeit, aber die mit der Ausstellung erhofften lukrativen Verkäufe blieben aus. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die veränderte Darstellung bei den drei Ansichten der Eisenbahnbrücke des Jahres 1874. Die Eisenbahnbrücke ist nun Teil der Landschaft und nicht mehr das Symbol einer optimistischen Zukunft.

Blick auf die Eisenbahnbrücke von Argenteuil ist eine weiteres Gemälde des Jahres 1874 mit der Flusslandschaft seines Wohnortes. Die Eisenbahnbrücke ist hier mit einigem Abstand vom gegenüberliegenden Flussufer, als zweite Horizontlinie, mit der Silhouette von Argenteuil im Hintergrund dargestellt. Den Vordergrund bestimmt eine Sommerwiese mit einer Mutter und ihrem Kind beim Spaziergang. Es handelt sich hierbei um Monets Frau Camille und den siebenjährigen Sohn Jean. Die waagerecht in der Bildmitte verlaufende Eisenbahnbrücke ist gegenüber der Darstellung von 1873 aus größerer Entfernung und nur skizzenhaft wiedergegeben und wirkt hier – anders als zuvor in einem von der Sonne erstrahlten Licht fast weiß – eher grau. Die Brücke ist in diesem Gemälde nur noch Teil des Hintergrundes, während Familie und Landschaft in den Vordergrund rücken.

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